Kapelle Zagging

Die Ortskapelle Zagging ist ein Holzriegelbau und befindet sich an der östlichen Seite der L100 (Römerstraße), hat als Adresse "Ziegelofen 1" und unterliegt als "Privatbesitz der Dorfgemeinschaft" nicht dem Denkmalschutz.

Kapelle Zagging 1Herkunft

Der ursprüngliche Standort dieser ehemaligen russisch-orthodoxe Kapelle war im Gefangenenlager Spratzern, der genaue Standort dort ist aber nicht mehr feststellbar. Sie wurde von den russischen Kriegsgefangenen des 1. Weltkrieges errichtet, von denen eine große Anzahl (ca. 70.000) in Spratzern interniert wurde (8 Lagergruppen zu je 16 Baracken).

Nach dem Krieg wurde das Lager aufgelöst, sodass es auch für die Kapelle keinen weiteren Verwendungszweck bzw. Bedarf mehr gab.

Das nutzten einige Zagginger Bauern unter der Führung von "Ortsvorsteher" Franz Schnabl (ehem. Zagging Nr.13), um die Kapelle 1921 bei der Sachdemobilisierung in Wien zu erstehen (der Kaufpreis betrug 2 Millionen Kronen und wurde durch eine Sammlung aufgebracht, davon erbrachte ein Lichtbildvortrag in Kleinhain 100.000 Kronen) und von Spratzern nach Zagging überstellt und aufgebaut. Beim Transport soll es auch auf dem Kremserberg zu einem Fuhrwerksdefekt gekommen sein (Radbruch). Die Kapelle wurde auf dem Grundstück der Familie Binder (später Brader) neben einem großen Marterl errichtet.

Pfarrchronik1922 BanderoleEinweihung

Die Einweihung samt Glockenweihe erfolgte am 8. Oktober 1922 mit einem großen Fest, die Segnung erfolgte durch Pfarrer Alois Hog (mit besonderer Genehmigung durch das bischöfliche Ordinariat unter Bischof Johannes Baptist Rößler). Das Material der Kapelle (und Glocke?) stammte aus der "Sachdemobilisierung" und wurde durch Kardinal Friedrich Gustav Piffl CanReg. vermittelt. Die Festrede hielt Vizebürgermeister Josef Kaiblinger aus Zagging (Bürgermeister war Anton Bandion aus Kleinhain).

Zum Weihezeitpunkt wohnten 99 Männer und 118 Frauen in Zagging, in der Pfarre gesamt 732 Personen.

Altar

Der Altar stammt aus dem Reservespital in der Herzogenburgerstraße und wurde ebenfalls überstellt und in der Kapelle aufgestellt. In diesem ehemaligen "Tragaltar" war bei der Altarweihe im Jahr 1849 durch Bischof Buchmayr eine Reliquie mit Echtheitszertifikat im Altartisch eingesetzt worden. Eine Transkription durch die Stiftsarchivarin Dr. Helga Penz stellte als Märtyrer Justa fest, ein zweiter angeführter Märtyrer konnte (noch) nicht eindeutig identifiziert werden (...ianus).

Beim Neubau des Altartisches (1997) wurde auch ein stark zersetzter kleiner Papier- oder Stoffstreifen gefunden, der später - mangels Überlieferung - als übergebene Reliquie identifiziert werden konnte: auf dem Streifen konnten noch die Wortreste "pax et ter" erkannt werden, was auf das lat. "pax et terra" - "Friede auf Erden" - hinweisen würde und als Segensspruch für eine Kriegsgefangenenkirche sehr naheliegend wäre.

Reliquien-Bescheinigung / Weihenotiz

Kapelleneinweihung1922Nos
Antonius Buchmayer,
[Ap]ostolicae sedis gratia Episco-
[pus H]ippolytanus, S(ancti)s(simae) Theologiae
[doctor, in]signis ordinis Leopoldi imper(atoris)
[com]mendator, S(acrae) C(aesareae) Reg(is) Apost(olicae)
[Maiestatis] consiliarius aulicus et C[aesareae] R[egis]
[...]um Universitatis Viennens(is) eme-
[ritus r]ector Magnificus etc., consecravi-
[mus p]ortatile hoc ad M(aiorem) D(ei) Gl(oriam), et Reli-
[quias] [Ch]risti Martyrum Justae
[et ...]iani reverenter impo-
[suimus] ac sigillo Nostro obsignavimus.
[...] mensis Martii anni 1849.

Übersetzung:

Wir,
Anton Buchmayer,
durch die Gnade des Apostolischen Stuhls
Bischof von St. Pölten, der hochheiligen Theologie
Doktor, des Ordens des Kaiser Leopolds
Träger, der Heiligen Kaiserlich Königlichen Apostolischen
Majestät Hofrat und der Kaiserlich Königlichen
[...] Universität Wien emeritierter Rektor Magnifizenz etc., haben geweiht
diesen Tragaltar zur höheren Ehre Gottes, und haben die Reliquien
der Märtyrer Christi Justa [und ...]ianus ehrerbietig eingelassen
und mit unserem Siegel versiegelt
[am ...] im Monat März des Jahres 1849.

Transkription und Übersetzung: Stiftsarchiv Herzogenburg (Helga Penz, Archivarin; Nicole Kröll und Natalie Zier, Archivpraktikantinnen, im Februar 2019).

Baubeschreibung

Bei der Kapelle handelt es sich um einen geosteten Saalbau mit angeschlossenem Westturm in Holzriegelbauweise. Die Bilder, Statuen, etc. sind allesamt Spenden der Ortsbevölkerung ohne besonderen Wert.

Der Eingang lag im Original an der Westseite (hintere Seite) des Westturmes, dieser Eingang wurde in den Jahren 1973/74 im Zuge der Straßenverbreiterung (früher B333 jetzt L100) an die Südseite des Turmes verlegt, auch das Marterl wurde abgetragen und an anderer Stelle (Fladnitzbrücke - Maierhofstraße) durch ein neues Marterl ersetzt.

Die Kapelle ist innen verputzt (Schilfunterlage auf der Holzverschalung), außen mit Lärchenbrettern doppelt verschalt: die unteren Bretter sind noch original und sehr stark verwittert, darüber wurde 1997 über eine Kontra-Lattung eine weitere Lärchenholzschalung angebracht, da eine Abnahme der originalen Verbretterung nicht möglich war.

Renovierungen

In den Jahren wurden mehrere Renovierungen durchgeführt, so 1976 (mit neuen Bänken), später wurde die Kapelle elektrifiziert und auch ein elektrisches Läutwerk angeschafft. 1997 kam ein neuer Bodenbelag, neue Holzverkleidung außen inklusive neuer Tür und ein neuer Altartisch (Dorffest und Segnung), 2007 wurde das Holz neu gestrichen.

Für das 100. Jubiläumsjahr ist eine neue Dacheindeckung geplant, auch die Turmbasis ist durch langjährige tiefe Spurrinnen der Hauptstraße (extremes Spritzwasser) und die aggressive Salzstreuung der letzten Jahre sehr in Mitleidenschaft gezogen worden.

Kapelle GlockeGlocke

Die erste Glocke im ehemaligen Glockenstuhl im Dorf (jetzt Hofstraße 32) musste im 1. Weltkrieg abgeliefert werden. Die erste Glocke der Kapelle stammt aus der Glockengießerei St. Florian und wog 60 kg, sie wurde bei der Kapellenweihe am 8. Oktober 1922 in einem Festzug zur neuen Kapelle gebracht, von den Burschen des Dorfes aufgezogen und durch Pfarrer Hog geweiht und sodann erstmals geläutet. Diese Glocke musste jedoch 1942 für Kriegszwecke abgeliefert werden.

Die jetztige Glocke wurde am 17. Oktober 1948 (zugleich mit den identen Glocken der Glockenstühle Großhain, Greiling, Diendorf und Flinsdorf) durch Pfarrer Felix Ernst geweiht.

Eigentumsverhältnisse

Das Kapellen-Grundstück gehört der Marktgemeinde Obritzberg-Rust, die Kapelle selbst der Dorfgemeinschaft Zagging, die auch für die laufenden Ausgaben zur Gänze aufkommt (Großteils durch "Kranzspenden" bei Begräbnissen).

Kirchliche Aktivitäten

Die Kapelle wird jedes Jahr für 2 Gottesdienste genutzt, zusätzlich finden hier die Betstunden für verstorbene Zagginger statt, auch das Floriani- und das Pfingst-Beten und eine Kreuzwegandacht werden alljährlich abgehalten.

Sonstiges

2018 wurde die Kapelle in die Datenbank der "Kriegsrelikte aus dem 1. Weltkrieg" aufgenommen, wo sie naturgemäß eine Sonderstellung einnimmt.

Anlässlich des 100. Jahrestages vom Ende des 1. Weltkrieges gelangte diese Kapelle zu vermehrter Aufmerksamkeit und wurde von mehreren Delegationen besucht.

Für 8. Juni 2019 ist in der Kapelle ein russisch-orthodoxes Totengedenken für die 1820 Verstorbenen des Gefangenenlagers Spratzern geplant.

Fotos

Kapelle innen1Kapelle Zagging 2Kapelle Fenster

Grundriss, Aufriss, Maße

Kapelle Zagging Grundriss iKapelle Zagging Aufriss Seite iKapelle Zagging Aufriss Turmseite i

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